Das Tauschgeschäft

 

Der Liebe Spruch: Ich liebe Dich

Trägt meist den Widerspruch in sich

Der Mensch, von Eigennutz getrieben

Vermag oft nur, sich selbst zu lieben

 

So wird die Liebe denn zur Ware

Und von der Wiege bis zur Bahre

Verbirgt sich in jeglichem Liebesrausch

Doch letztlich ein Äquivalententausch

 

Was mag der Autor damit meinen?

Da viele nur zu lieben scheinen

Entspricht (nur - stimmen derlei Thesen?!)

Das Tauschgeschäft des Menschen Wesen

 

Drum muß der Mensch, der wirklich liebt

Der niemals nimmt und immer gibt

Bereit sein, alles herzugeben:

Sein Ego, seinen Stolz, sein Leben

 

So bleiben Liebe, Leid und Lust

(Und sei uns dies auch nicht bewußt)

In einem Widerstreit vereint

Der stets auf neu' sich selbst verneint

 

Mitte der Neunziger?

 


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Kommentare: 14
  • #1

    Traudel (Donnerstag, 02 Juni 2016 15:31)

    Hallo Tünn,
    ich habe das Gefühl dieses Gedicht schon mal gelesen zu haben.
    Wunderbar geschrieben!
    Metrisch nicht ganz rein.
    Vorschlag:

    (...)

    So wird die Liebe denn zur Ware
    Und von der Wiege bis zur Bahre
    Verbirgt sich in jeglichem Liebesrausch / Verbirgt sie sich im Liebesrausch
    Doch letztlich ein Äquivalententausch / Doch ist und bleibt sie (nur) (gleich) ein Tausch

    (...)

    Drum muß der Mensch, der wirklich liebt
    Der niemals nimmt und immer gibt
    Bereit sein, alles herzugeben: / Bereit sein, alles auch zu geben:
    Sein Ego, seinen Stolz, sein Leben / Sein Ego, Stolz und auch sein Leben

    (...)

    Liebe Grüße
    Traudel

  • #2

    Tünn (Donnerstag, 02 Juni 2016 15:36)

    Hallo Traudel,

    danke für das Lob und für die Verbesserungsvorschläge. Du hat völlig recht.

    Mir ist die Schwäche auch aufgefallen. Ich habe mich aber an dem Wort Äquivalententausch festgebissen, wollte einen Begriff aus der politischen Ökonomie in die vordergründig romantische Sphäre der Liebesbeziehung einbringen und diese um so mehr „entlarven“ - und vielleicht ein bißchen provozieren. Obwohl es sich ja beileibe nicht immer um einen Äquivalententausch handelt.

    Von daher paßt Dein Begriff „Tausch“ sowohl inhaltlich als auch formal möglicherweise besser.

    Dein Gefühl, das Gedicht schon mal gelesen zu haben, freut und wundert mich zugleich. Ich bin bisher mit meinen Gedanken vom Tausch eher auf Ablehnung gestoßen und dachte, ich stehe damit ziemlich allein. Sollte es also ähnliche Verse geben, ist irgendwo jemand meiner Meinung... Obwohl man auch diese – wie die meisten meiner Verse – nicht 100% ernst nehmen sollte...

    Viele Grüße
    Tünn

  • #3

    Anja (Donnerstag, 02 Juni 2016 15:37)

    Hallo Tünn
    Dein Gedicht ist wunderbar (und so wahr!) und hat von Tanja einen tollen Schliff erhalten.

    Liebe Grüße von
    Anja

  • #4

    udo (Donnerstag, 02 Juni 2016 15:38)

    hallo tünn

    hätte wilhelm busch ein gedicht so angefangen wie du mit dieser ersten strophe (und ich kann mir gut vorstellen, dass er so angefangen hätte), dann wäre nachher eine nette, originelle geschichte gefolgt, wleche das gesagte veranschaulicht hätte.
    er hätte weder den stil noch die form durchbrochen.
    du machst beides, und zudem steigerst du dich vom netten, gemächlichen anfang in ein gesamtkunstwerk aus "lehrreichen" sätzen, "gehobener" sprache und metrischen experimenten.
    das kann nur schief gehen, würde ich sagen. nun, wie figura zeigt, findet so was aber anklang beim leser. ich hingegen ziehe den echten busch vor.
    nichts für ungut
    udo

  • #5

    Tünn (Donnerstag, 02 Juni 2016 16:36)

    Hallo Udo,

    danke für Deine kritischen Anmerkungen. Ich glaube, sie sind berechtigt und angemessen.

    „Festgebissen“, „entlarven“, „provozieren“ (s.o.) - hier ist der Hintergrund für die vorliegende Version, und vor diesem Hintergrund finde ich sie (insbesondere nach Tanjas Korrekturvorschlägen) weiterhin gar nicht soo schlecht.

    Ich werde versuchen, Deine Kritik zu Stil und Form zukünftig im Hinterkopf zu behalten. Aktuell fasse ich Deine Ausführungen als Anregung für eine Alternativversion auf. Eine erste solche Version habe ich unter separatem Titel "Das Tauschgeschäft - Version II" abgelegt.

  • #6

    Anna (Donnerstag, 02 Juni 2016 16:37)

    Lieber Tünn,

    Liebe als Tauschgeschäft - ja, es ist das Ungleichgewicht von Geben und Nehmen, das irgendwann zwangsläufig zum Abbruch einer Beziehung führt, davon bin ich überzeugt. Und das gilt nicht nur für Liebende, sondern auch für Freundschaften oder Geschäftsbeziehungen.

    Ich habe dein Gedicht sehr gerne gelesen!

    Liebe Grüße
    Anna

  • #7

    Maria (Donnerstag, 02 Juni 2016 16:38)

    Zitat von Tünn:

    "Der Mensch, von Eigennutz getrieben
    Vermag oft nur, sich selbst zu lieben"

    Wäre das wahr, gäbe es die Menschheit längst nicht mehr.

  • #8

    Richie (Donnerstag, 02 Juni 2016 16:39)

    :rolleyes:

  • #9

    Vic (Donnerstag, 02 Juni 2016 16:40)

    Maria, stimmt nicht ganz, wo Liebe fehlt bleibt immernoch Trieb, Ansätze die Menschheit zu erhalten wären also trotzdem noch da :)

  • #10

    Rudolf (Donnerstag, 02 Juni 2016 16:42)

    absolut unpassende lyrik was das wirkliche leben der liebenden und die liebe essentiell betrifft. offensichtlich guter tünn, hast du nie geliebt und übersiehst dabei auch völlig den altruismus des menschen, sei sie/er nun verliebt oder in liebe zu einem anderen wesen. abgesehen vom holter-di-polter ein text der mich nicht im geringsten befriedigt. er kommt eher rüber wie der kurzbericht eines kleinen buchhalters "zur liebe". und ein tauschgeschäft kann das nicht mal werden, wenn etwa ein ältere mann wie ich mit 64 eine freundin hat, die 21 ist. und da gerade ich solche "tauschbeziehungen" wahrscheinlich am allerbesten von allen usern hier kenne, weiß ich dass man liebe schon gar nicht im tausch gegen was anderes erhalten kann. so etwa meinte meine süsse exgeliebet Niki immer wieder:

    "Bald werde ich dich lieben, schatz!"

    ich: "und wann süsse göttin wird das sein?"

    Niki: "wenn ich die crocci*) von LOUIS VUITTON habe!"

    ich: "na - dann wirst du mich nie lieben Niki, denn so eine liebe würdest du auch nicht wollen - daher wirst du die crocci auch nie bekommen!"

  • #11

    Traudel (Donnerstag, 02 Juni 2016 16:45)

    Ich sehe den Text als provokant und herausfordernd. Heutzutage wird das Wort Liebe sehr oft missbraucht... Und ich denke Tünn, hat genau das erreicht, was er erreichen wollte. Nämlich das jeder der geliebt hat dem Gesagten nicht zustimmt und wiederspricht (was auch geschehen ist).
    LG

  • #12

    Rudolf (Donnerstag, 02 Juni 2016 16:51)

    ich sehe weder provokation - was ja equi zu herausf. ist. es ist einfach der text eines völlig unerfahrenen 62er-menschen, der das essentielle nie begriffen hatte. so einfach ist das...TW. oder hast du schon mal etwas von dem "LIEBESSPRUCH"...ICH LIEBE DICH GEHÖRT?

  • #13

    Traudel (Donnerstag, 02 Juni 2016 16:54)

    Rudolf, Du verwechselst Li mit dem Autor, warum greifst Du Tünn persönlich an? Du tust ihm Unrecht!
    LG Tanja

  • #14

    Tünn (Donnerstag, 02 Juni 2016 18:45)

    Moin,

    vielen Dank für die Rückmeldungen.

    Es ist schwierig, über einen Begriff zu reden, ohne sich zuvor auf eine Definition geeinigt zu haben. Und in diesem Fall ist es vielleicht sogar unmöglich, überhaupt eine Definition zu finden.

    Von daher kann es gut sein, daß Rudolf recht hat mit der Vermutung, daß ich nie geliebt habe – wenn Rudolf sein Verständnis von Liebe zugrunde legt. Wir können unsere Gefühle nicht vergleichen. Jeder kennt nur seine eigene Liebe.

    Das von Maria angesprochene Problem Existenzsicherung der Menschheit wollte ich in meiner 2. Geschichte ansprechen (siehe "Das Tauschgeschäft - Version II): Mit der Realisierung des Eigennutzes befriedigt jeder der Marktteilnehmer zugleich das Bedürfnis des anderen (hier: zum gleichen Teil) und erfüllt zugleich eine biologische / gesellschaftliche Funktion: Arterhaltung und Produktion von Arbeitskräften. In diesem Stadium würden die meisten von uns wahrscheinlich noch nicht von Liebe sprechen.

    In der Bar können nur Äußerlichkeiten = Oberflächlichkeiten eine Rolle spielen. Wann kommt im Laufe der Beziehung das Quantum (von was?) hinzu, das aus einer Beziehung, Verliebtheit, … Liebe macht?

    Und selbst zu dem Zeitpunkt, wo wir ehrlich sagen: „Ich liebe Dich“ erwarten oder erhoffen wir uns etwas...

    Wenn der Antrieb, in die Bar zu gehen, (ausschließlich oder überwiegend?) biologisch motiviert ist – was ist dann das, was Liebe ausmacht? Etwas Chemisches, Physiologisches, Physikalisches, … im weitesten Sinne Materielles? Wenn es aber etwas Immaterielles ist: wie kann es dann zu körperlichen Reaktionen und zu praktischen Verhaltensweisen (Kauf einer Handtasche) führen?

    Die altruistische Liebe habe ich versucht anzusprechen. Ich finde, sogar in ihrer extremsten Form. Ich hatte hier die Mutterliebe vor Augen. Das Baby, das Kind, das Heranwachsende … wird von der Mutterliebe behütet, beschützt, die Mutter gib notfalls auch ihr Leben.

    Manche Mutter wird auch ihren drogenkranken Sohn bis zuletzt in Schutz nehmen, selbst wenn der ihr die Stütze klaut. Und manche von uns würden sagen: Das ist Liebe.

    Wie nennen wir es, wenn diese Mutter sich von ihrem Ehemann prügeln und mißbrauchen läßt und trotzdem bei ihm bleibt oder gar zu ihm hält? Liebe? Abhängigkeit? Hörigkeit? Wo verläuft die Grenze?

    Und: Gibt der Altruist nur? Erhält er nicht im Gegenzug etwas für sein Tun? Das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, ein reines Gewissen, die Hoffnung auf ein Paradies, ...

    Der Liebe Spruch (nicht LIEBESSPRUCH, Rudolf) = der Spruch der Liebe: Mit derselben im Ernstfall untrennbar verbunden. In diesem Spruch drückt sich die Liebe (des einen) selbst aus und verspricht sich dem anderen. Manchmal verspricht sie sich dabei ... :-)

    Zum „kurzbericht eines kleinen [?!] buchhalters“. Rudolf hat das richtig erkannt. Genau darum ging es mir:

    Ich wollte das wunderbare, romantische und geheimnisvolle Phänomen Liebe, das wir zu recht mit den schönsten Worten zu beschreiben versuchen, einmal anders, betont nüchtern betrachten, auf andere Gesichtspunkte hinweisen. Es gibt die romantische Seite. Es gibt aber auch dieses Geben und Nehmen (Anna), es gibt den Tauschaspekt. Dem Kaufmann, dem Buchhalter geht es um letzteres. Soll an Haben. Der Saldo muß auf Null stehen, das Konto ausgeglichen sein. Deshalb das Betonen des Äquivalents.

    Wo das Konto nicht ausgeglichen ist, wo Liebe nicht (im gleichen Umfang) erwidert wird, führt sie auf Dauer zu Leid, selbst wenn sie (noch) Lust schenkt. Es sei denn, die Lust ist so groß, daß sie als Ersatz für Liebe herhalten kann … Nun aber kommen wir wieder zur Hörigkeit ...

    Übrigens: Ich würde meiner 21jährigen Freundin die Handtasche kaufen. Nicht, damit sie mich liebt. Sondern weil ich sie liebe. Völlig selbstlos …

    PS:
    Rudolf hat das Thema ausgeweitet durch seine Bemerkung von der Liebe zu einem anderen Wesen. Interessiert mich auch sehr, würde jetzt aber hier zu weit gehen?

    PPS:
    Sehr treffend zu dem ganzen Thema finde ich Richies Anmerkung: :rolleyes:

    Dank + Gruß
    Tünn