Anton und Emil sitzen gemütlich im Feudel-Eck an der Theke. Sie haben gerade ausführlich über Jule Barwenzik und Kalli Feldkamp geredet und was das noch für Zeiten waren, als RWO hinter Köln und Schalke auf Platz 3 in der Oberliga West stand.

 

 

 

Da hebt Anton an und spricht:

 

 

 

 

Zweiter Abend: Russland / Sowjetunion bis 1945

 

 

 

Moin Emil.“

 

Moin Anton. Na, hasse ... hast Du Dir Gedanken gemacht, wie Du anfangen willst?“

 

Logo. Wir wollen versuchen zu klären, warum ich anno dünnemals der Meinung war, die Mauer sei notwendig gewesen. Bis zum Mauerbau 1961 gab es ja eine politische und historische Entwicklung, und ich denke, die sollten wir mal nachzeichnen. Zumindest in groben Zügen.“

 

Nun ja, dann zeichne mal nach. Ich hör Dir zu und quake bei Bedarf dazwischen, OK?“

 

OK. Erst mal kurz zu Karl Marx. Der war ja wohl, wie es uns damals schien, davon ausgegangen, dass die proletarische Revolution in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern stattfinden würde. Nun wurde sie aber in einem ökonomisch rückständigen, nicht in einem Industrie-, sondern in einem Agrarland durchgeführt. Und die entwickelten Länder folgten - die Gründe klammern wir hier mal aus - nicht nach. Das war vermutlich das erste von mehreren Problemen.“

 

Genau. Da hab ich in mein VHS-Kurs einiges mitgekriegt. Wichtig waren auch der verlorene Weltkrieg, die großen Gebietsverluste im Frieden von Brest-Litowsk, die nachfolgenden Interventionskriege, der Bürgerkrieg, ...“

 

Wollen wir das noch ein wenig genauer beleuchten? Hört sich oft so allgemein an: Gebietsverluste, bla bla bla. Was sagt denn Dein Kursleiter dazu?“

 

Er meint, laut Wikipedia verlor Russland durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk beispielsweise 34 % seiner Bevölkerung, 26 % des europäischen Territoriums, 27 % des anbaufähigen Landes, 54 % seiner Industrie, 89 % seiner Kohlevorkommen, 26 % des Eisenbahnnetzes, 33 % der Textil- und 73 % der Eisenindustrie, seine gesamte Produktion von Erdöl und Baumwolle, ... Produktion und Verteilung von Lebensmitteln funktionierten nicht mehr, in den Städten drohten Hungersnöte, auf dem Land hingegen Bauernaufstände.“

 

Genau. Und schon vorher hatte der Bürgerkrieg begonnen und auch die Interventionskriege! Nach den Schäden und Verlusten des Ersten Weltkriegs erwies sich der Bürgerkrieg für Russland als noch größere Katastrophe. schreibt Wikipedia, wenn ich mich recht erinnere. Und zur Besetzung russischen Territoriums durch deutsche Truppen ab Februar 1918: Die Macht der Bolschewiki wurde überall dort gebrochen, wo deutsche Soldaten einmarschierten. ... durch die Invasion der Deutschen war ihre [der Bolschewisten] Macht zu Jahresende ebenso unsicher und fragil ...

 

Der Bürgerkrieg hätte also ohne die Interventionen der kapitalistischen Länder ganz sicher sehr viel kürzer sein können und nicht so viele Menschenleben fordern müssen.“

 

So aber dauerte er fast 5 Jahre. Russland war also fast 10 Jahre im Krieg! Ich glaube, es waren 14 ausländische Mächte an diesen Interventionen beteiligt. Deutschland, Großbritannien, Japan, die USA, Polen, ... Vom Westen bis hin zu Murmansk und Wladiwostok in Sibirien. Und außer direktem militärischen Eingreifen unterstützten die westlichen Länder die weißen Truppen mit Lieferungen und Hilfsleistungen - laut Churchill gab Großbritannien im Jahr 1919 hundert Millionen Pfund für die Weißen aus, Frankreich 30 bis 40 Millionen ...“

 

Nun heißt Bürgerkrieg ja aber, dass auch Russen gegen Russen kämpften ...“

 

So ist es. Natürlich gab es in Russland Kräfte, denen die Revolution nicht in den Kram passte. Niemand gibt die politische und wirtschaftliche Macht oder soziale Privilegien gerne ab. Kapitalisten, Großbauern, Teile der Kosaken ... Dazu kommt, dass Russland ein Vielvölkerstaat war. Und Widerstand kam auch von den verschiedensten politischen Kräften: Monarchisten, die das Zarentum wieder errichten wollten, Konservative, Nationalisten, Republikaner, ... Es war wohl eine sehr inhomogene Bewegung, die Weißen, die mit Unterstützung etlicher kapitalistischer Länder gegen die Bolschewiki kämpften ...“

 

Einige wollten also ihren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben. Aber alle wollten, wie unser Kursleiter, die rote Socke, meint, das Privateigentum wieder herstellen.“

 

Ich denke, da hat er recht. Militärisch gesehen spricht man ja hier übrigens von den Weißen im Unterschied zu den Roten. Und es gab Kräfte außerhalb Russlands, im Grunde alle kapitalistischen Länder, die gerne vermeiden wollten, dass ihre Arbeiterklassen sich die Revolution zum Vorbild nahmen. Revolutionäre Bestrebungen existierten in vielen Ländern.“

 

Bürgerkrieg, Interventionskriege - war das nicht letztlich alles KONTERREVOLUTION? Der Versuch, die Revolution rückgängig zu machen?“

 

Jep. Es hatte Versuche gegeben,die Revolution militärisch zu verhindern. Klar, dass die Versuche fortgesetzt wurden. Ein Beispiel dafür, dass die Herrschenden Macht, Eigentum, Privilegien nicht freiwillig abgeben. Lass uns das vielleicht mal als ersten Punkt zwischenspeichern für später, wenn wir zur Mauer kommen.“

 

Und 1923 war dann endlich Ruhe!“

 

Nun ja, was heißt Ruhe. Zunächst einmal war unheimlich viel zerstört: Nach dem Ende von Bürgerkrieg und Interventionskriegen war die russische Wirtschaft auf einen Bruchteil der Vorkriegsleistung zusammengeschrumpft: Kohle um -64 %, Stahl um -95 %, Getreide um -53 %, ... Bereits 1920 gab es 10 Millionen Menschen weniger in Russland als beim Ende des Weltkriegs! Sieben Millionen Waisenkinder lebten auf der Straße. 88 % der weiblichen Straßenkinder lebten von Prostitution.“

 

Schlechte Karten, um einen sozialistischen Staat aufzubauen. Dazu kam die internationale Isolierung des Landes ...“

 

Exakt. Für die Wirtschaftspolitik der Bolschewiki bis 1921 wird oft der Begriff Kriegskommunismus verwendet. Trotz des Krieges sollten natürlich die politischen Maßnahmen umgesetzt werden, wegen denen die Revolution durchgeführt worden war. Aufhebung des Privateigentums an den wesentlichen Produktionsmitteln, Fabrikkomitees zur Leitung von Unternehmen, ... Um die Menschen zu ernähren, griff man zu Mitteln, die nicht funktionierten. Versuche zu Zwangskollektivierung während des Bürgerkriegs führten dazu, dass die landwirtschaftliche Produktion zurückging.“

 

Und dann kam es zur NÖP?“

 

Jou. Neue ökonomische Politik, auch NEP genannt. Ich glaube, Lenin - und Trotzki!? - haben sich sehr dafür eingesetzt. Hat nicht jeder eingesehen, dass es nötig sein sollte, nun plötzlich kapitalistische Elemente in die Wirtschaftspolitik einzuführen. Marktwirtschaftliche Methoden würden wir wohl heute sagen. Die Bauern sollten - allerdings unter staatlicher Aufsicht - motiviert werden, ihre Erträge zu steigern. Eigeninitiative und Gewinnstreben sollten eine größere Rolle spielen.

 

Ich will nur noch einen Punkt hervorheben, der mir für die Beurteilung der weiteren Entwicklung wichtig erscheint. Lenin auf dem IV. Komintern-Kongress im November 1922:

 

 

Wir wissen, dass wir ohne eine Schwerindustrie, ohne ihre Wiederherstellung keine Industrie aufbauen können, ohne diese sind wir als selbstständiges Land überhaupt verloren. Das wissen wir wohl. Die Rettung Russlands liegt nicht nur in einer guten Ernte der Bauern – das ist zu wenig – und nicht nur in dem guten Zustand der Leichtindustrie, die der Bauernschaft Gebrauchsgegenstände liefert – das ist ebenfalls zuwenig –, wir bedürfen noch der Schwerindustrie […].

 

Schwerindustrie! 1923 endeten Bürgerkrieg und Interventionskriege. Zehn Jahre später griff die deutsche Monopolbourgeoisie zum Faschismus als Mittel der politischen Herrschaft, um ihre Macht zu retten. Den deutschen und den sowjetischen Kommunisten war klar, dass dies Krieg bedeutete und dass die Sowjetunion eines der deutschen Kriegsziele sein würde. Den anderen kapitalistischen Ländern kam ein Krieg zwischen Deutschland und der SU gelegen. Den Bolschewismus auszuradieren, also genau das, was sie bisher nicht geschafft hatten - etwas Besseres konnte ihnen nicht passieren. Und wenn Deutschland aus diesem Krieg geschwächt hervorgehen würde - um so besser.“

 

Du meinst also, nun war es noch wichtiger, die Schwerindustrie weiter zu entwickeln. Und wieder konnte sich die Sowjetunion nicht auf den friedlichen Aufbau konzentrieren. Wichtige Kapazitäten mussten in die Rüstung gesteckt werden, statt Wohnungen und Landmaschinen zu bauen.“

 

Ja. Es muss eine furchtbare Zeit gewesen sein. Welchen Anteil die objektiven Probleme hatten und in welchem Umfang politische Fehler gemacht wurden - wer kann das heute noch sagen? Nur noch ein paar Stichworte, das meiste habe ich auch vergessen: Zwangskollektivierung, Niederschlagen der Kulaken, ein neuer Bürgerkrieg Ende der 20er Jahre, die landwirtschaftlichen Produktivkräfte werden wieder zurückgeworfen. Hungersnöte, Millionen von Toten, gruselig muss das gewesen sein.

 

Aber zugleich wurde eben jene Schwerindustrie entwickelt, von der wir gerade sprachen. Aus dem Umstellungsprozess ging eine moderne Großindustrie hervor: Rohstoffe, Stahl, Elektrifizierung, Montanindustrie, ... Russland wurde zu einem Industrieland - mit einer Arbeiterklasse! Nicht mehr die 3 oder 4 Prozent ...

 

Dann der drohende Angriffskrieg durch die Faschisten. Kriegsproduktion. Dann der Krieg. 20 Millionen Tote, wieder war alles zerstört. Das könnte der zweite Punkt sein, der im Zusammenhang mit der Mauer eine Rolle spielt: Die SU war quasi zerstört, ausgelaugt. Sie hatte sich totgesiegt, um mit Georg Fülberth zu reden.“

 

Ein klassischer Pyrrhussieg also ...“

 

Und als dieser militärische Krieg endlich zu Ende war, ging er unter der Drohung der Atombombe geradewegs über in den Kalten Krieg mit seinen feindseligen Blockbildungen und Stellvertreterkriegen. Eine Phase der Ruhe, der Abrüstung hat die Sowjetunion nicht gehabt bzw. sich nie verschaffen können. Aber wegen ihrer Zerstörungen nach dem Weltkrieg war sie gezwungen, sich ihre Reparationen aus der DDR zu holen. Stalin hätte gerne ein vereintes Gesamtdeutschland gehabt ...“

 

Wie bitte? Ein einheitliches Gesamtdeutschland? Stalin? Das musst Du mir erklären. Aber vorher noch eine andere Frage: Millionen von Toten hatte es gegeben. War es das wert? Haben nicht die Bolschewiki mit der Revolution quasi einen Bürgerkrieg vom Zaun gebrochen, der zu diesen Toten geführt hat? Hätten sie nicht bei der Februarrevolution Halt machen sollen?“

 

Mensch, Emil, keine leichte Frage, finde ich. Vielleicht war aber die Hoffnung auf einen demokratischen Weg nach der Februarrevolution schon eine Illusion? Prof. Deppe weist darauf hin, dass sich nicht nur in Russland, sondern auch im Westen und der Mitte Europas am Ende des Krieges gegenrevolutionäre Allianzen bildeten.“

 

Na ja, kein Wunder. Wenn es revolutionäre Bewegungen gibt, dann natürlich auch Gegenbewegungen. Denk an Deutschland. Da haben ja meine Vorgänger von der Mehrheitssozialdemokratie im Bündnis mit der Obersten Heeresleitung gegen die Novemberrevolution die Hoffnungen auf einen friedlich-demokratischen Weg zum Sozialismus enttäuscht, das sehe ich schon ein.“

 

Laut Deppe hatte damals die demokratische Regierungsform in weiten Teilen Europas keine Chance. Die alten Fraktionen des herrschenden Blocks wollten ihre Vorherrschaft mit Gewalt stabilisieren bzw. restaurieren. Die Situaton war für sie nicht ungefährlich. Da waren die Kriegsniederlagen, die Krisenerscheinungen des Kapitalismus, revolutionäre Bewegungen waren im Aufschwung ...“

 

Es gab doch auch in Russland einen Putschversuch von rechts ...“

 

Den Kornilow-Putsch. Kornilow war ein zaristischer General. Im September legte er los. Gegen die provisorische Regierung und die Sowjets. Da zeigte sich das konterrevolutionäre Potenzial. Es gab aber zum Glück starke Gegenkräfte. Deshalb brach der Putsch schnell zusammen. Die Roten Garden und Soldaten, die sich den Sowjets angeschlossen hatten, leisteten kräftig Widerstand. Die Eisenbahnergewerkschaft bewaffnete zum Beispiel ihre Mitglieder, ließ Schienen und Brücken bewachen.“

 

Geil!“

 

Das zeigt aber auch, dass es ohne Gewalt nicht ging! Reaktionäre Gewalt, revolutionäre Gewalt. Selbst die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution waren in Gefahr und mussten abgesichert werden. Warum an diesem Punkt stehenbleiben? Ein bürgerliches, kapitalistisches Russland hätte den Arbeitern und Bauern keine wesentlichen Verbesserungen gebracht.“

 

Sie hätten vieleicht wählen können ...“

 

Dazu sage ich gerne nachher noch was. Außerdem konnten sie wählen: Sie hatten ja Sowjets gewählt. So war es schließlich zur Doppelherrschaft gekommen: Auf der einen Seite die provisorische Regierung, auf der anderen Seite die Arbeiter- und Soldatenräte. Der wichtigste und politisch einflussreichste war der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten.

 

Der verabschiedere Im März 1917 ein Manifest An die Völker der ganzen Welt, das der Eroberungspolitik den Kampf ansagte und das europäische Proletariat zum Kampf gegen den Krieg aufrief.“

 

Frieden war ja wohl eine zentrale Forderung zu der Zeit.“

 

Du sagst es. Die provisorische Regierung setzte aber – auch unter dem Druck der Westmächte, die mit Russland im Krieg gegen das Deutsche Reich standen – den Krieg fort. Ein Stehenbleiben bei der Februarrevolution hätte eine Fortsetzung des Kriegs bedeutet.“

 

Du willst also Folgendes sagen: Ein Vorantreiben der Revolution war erforderlich, um einerseits die demokratischen Errungenschaften der bürgerlichen Revolution abzusichern und anderereits weitere zentrale Forderungen durchzusetzen.“

 

Genau. Und das geschah nach der Oktoberrevolution auch. Unter anderem durch das Dekret über den Frieden und das Dekret über den Grund und Boden.“

 

Die Bodenreform war demnach auch eine zentrale Forderung?“

 

Und ob! Schon im Mai 1917 hatte in Petrograd der erste Gesamtrussische Kongress der Bauerndeputierten stattgefunden, der die Aufhebung des Privatbesitzes an Grund und Boden sowie die entschädigungslose Enteignung des großen Grundbesitzes forderte. Es entwickelte sich – schon bevor die Bolschewiki die Macht ergriffen – ein regelrechter Bauernkrieg mit einer radikalen Umwälzung der Agrarverhältnisse.“

 

Bauernkrieg. Erinnert an Deutschland im 16. Jahrhundert.“

 

Ja. Aber die Aufstände wurden niedergeschlagen, Tausende Bauern hingemetzelt. Man erhebt sich nicht wider die Obrigkeit! In Russland desertierten Bauern, die für den Krieg rekrutiert worden waren, und eigneten sich in der sogenannten schwarzen Umverteilung de facto das Land an, von dem sie annahmen, dass es ihnen die offizielle Provisorische Regierung zugesprochen hätte. Es hatte sich jedoch nur um ein uneingelöstes Versprechen gehandelt.“

 

Und die Arbeiters?“

 

Die Arbeiterschaft radikalisierte sich. In den Betrieben selbst wurde um die Macht gekämpft. Dabei ging es einerseits um klassische gewerkschaftliche Forderungen wie Lohnerhöhungen und den Acht-Stunden-Tag.“

 

Bravo!“

 

Es ging aber auch schon um Formen der Arbeiterkontrolle!“

 

Bereits vor der Oktoberrevolution?!“

 

In der Tat. Es hatten sich Arbeiterdeputiertenräte etabliert. Und Gewerkschaften. Und vor allem Betriebskomitees. Die wurden direkt von den Belegschaften gewählt.“

 

Arbeiterdemokratie, klasse.“

 

Diese Komitees übernahmen zugleich Funktionen bei der Fortführung der Produktion – auch gegen den Willen der Unternehmer – und bei der Verhinderung von Massenentlassungen.“

 

Eingriffe in die Verfügungsgewalt über das Privateigentum ...“

 

Deppe zitiert Skocpol:

 

Die Industriearbeiter waren zum Überleben darauf angewiesen, dass die Fabriken weiter produzierten – und dass – wenigsten zu minimaler Sicherheit – der Austausch zwischen Produzenten und Konsumenten, sowie zwischen Stadt und Land weiter ging. Als sich das Chaos ausweitete, hatten sie ein gesteigertes Interesse an der Zusammenarbeit mit irgendeiner organisierten revolutionären Kraft, die daran gehen würde, diese Probleme zu lösen.

 

Das sprach ja dann wohl für die Bolschewiki, nehme ich an ...“

 

Bis zum Sommer 1917 hatte sich deren Mitgliederzahl auf eine Viertelmillion erhöht. Die Leistung von Lenin und den Bolschewiki bestand laut Deppe im Wesentlichen darin, dass sie zu erkennen in der Lage waren, was die Massen wollten. Führung bestand eben auch darin, den Massen folgen zu können wie wohl Hobsbawm mal gesagt hat.

 

Und das alles unter den Bedingungen der Illegalität - die Parteiführer waren ja im Gefängnis oder auf der Flucht, viele waren im Exil, so auch Lenin.

 

Und nach Massendemonstrationen im Juli kam es zu Verhaftungen und Verfolgungen der Linken überhaupt, nicht nur der Bolschewiki. Die provisorische Regierung geriet immer mehr in die Defensive. Was sollten die revolutionären Kräfte in einer solchen Situation tun? Die Dinge einfach laufen lassen, sich mit dem Februar zufrieden geben? Die zentralen Forderungen der Arbeiter und Bauern und der Soldaten ließen sich auf diese Weise offensichtlich nicht erfüllen.“

 

Und Du meinst, Revolutionäre können eine solche Chance nicht verstreichen lassen. Die kommt nicht wieder. Die Konterrevolution schlägt aber auf jeden Fall zu. Die Gefahr, dass die von Dir so genannten bürgerlichen Errungenschaften wieder zurückgenommen würden, war groß. Außerdem hofften die Bolschewiki auf den Ausbruch der Revolution im Westen.“

 

In der ersten Sowjetverfassung von 1918 wurde der gegenwärtige Augenblick als Zeit des Übergangs bezeichnet. Die Bolschewiki waren davon überzeugt, die Revolution in Russland könne nur als Vorläufer bzw. als Auslöser revolutionärer Veränderungen im Westen, d.h. in Europa, insbesondere in Deutschland, eine Chance des Überlebens und des Erfolges haben. Der rote Oktober sollte Teil der proletarischen Weltrevolution sein.“

 

Mit Deutschland das war ja wohl nix. Die SPD-Führung wollte nicht, ist schon klar. Sie orientierte - wie die bürgerlichen Parteien - auf Kompromisse mit den alten kaiserlichen Eliten und auf eine parlamentarische Demokratie.“

 

Und ließ dafür die revolutionären Kräfte überall im Land zusammenschießen. Es gab ja durchaus Parallelen zur Situation in Russland. Massenstreiks beispielsweise. Ein flächendeckender Generalstreik forderte im März 1919 die Sozialisierung der Großindustrien und die Verankerung des Rätesystems in der Verfassung. Der Historiker Ralf Hoffrogge schreibt, dass die Revolutionären Betriebsobleute drei große Massenstreiks organisierten - von 1916 bis Januar 1918, teilweise mir mehreren hunderttausend Beteiligten im gesamten Reichsgebiet.

 

Zunächst hatten sich die Obleute nur gegen das Streikverbot in Folge des Krieges gewehrt; nicht zuletzt unter dem Eindruck der russischen Revolution ...

 

Hört hört!“

 

... wandelten sie sich zu entschiedenen Revolutionären. Erst im Laufe des Jahres 1918 wurde jedoch auch der Mehrheit der Arbeiterinnen und Arbeiter klar, dass der Friede ohne Revolution nicht zu haben war.

 

Das ist in der Tat eine Parallele zu Russland.“

 

Das Bündnis der mehrheitssozialdemokratischen Ebert-Regierung mit den gegenrevolutionären Militärs war der entscheidende Schlag gegen die Revolution.

 

schreibt Hoffrogge weiter.“

 

OK, OK. Die Rechten alleine hätten es wohl kaum geschafft, die Arbeiter zu beruhigen, da kamen die Sozis wie gerufen, ich weiß schon, was Du sagen willst. War ja mit der Agenda 2010 - auf einer ganz anderen Ebene - im Grunde ähnlich. Jetzt kommen wir also zum Verrat der rechten Führung, woll?“

 

Gar nicht mal. Die mit den Bürgerlichen gemeinsamen Politikvorstellungen resultierten laut Hoffrogge aus der jahrelangen parlamentarischen Praxis des Kaiserreiches. Die Mehrheits-SPD konnte sich eine basisdemokratische Ordnung durch Räte oder eine Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben schlichtweg nicht vorstellen.“

 

Ha, da bin ich ja beruhigt. Nix is mit Verrat.“

 

Wie man das nennt, wenn politische Führer der Arbeiter mit reaktionären Generälen gegen eben jene Arbeiter vorgehen, darüber will ich nicht disputieren. Insbesondere nicht nach 15 Pils - Lothar, noch zwei bitte! Gehen auf unseren Spezialdemokraten hier. Aber zumindest Lenin scheint Hoffrogges Meinung zu sein.“

 

Echt gezz?“

 

Er schreibt zumindest:

 

Alle stimmen darin überein, dass der Opportunismus kein Zufall, keine Sünde, kein Fehltritt, kein Verrat einzelner Personen ist, ...

 

Ha!“

 

... sondern das soziale Produkt einer ganzen historischen Epoche.

 

Da deutet sich wohl eine materialistische Erklärung an.“

 

Nun ja, vor Lenin hatte schon Engels darauf hingewiesen: Die Arbeiter zehren flott mit von dem Weltmarkts- und Kolonialmonopol Englands. Wenige Jahrzehnte später gab es bereits mehrere Länder, in denen sich die Monopolherrschaft durchgesetzt hatte. Extraprofite machten es möglich: Die Bourgeoisie einer imperialistischen 'Groß'macht ist ökonomisch in der Lage, die oberen Schichten 'ihrer' Arbeiter zu bestechen. schreibt Lenin.“

 

Aha! Arbeiteraristokratie und Arbeiterbürokratie!“

 

Du sägst es. Wie sind die entstanden? Ein Teil des Monopolprofits wurde abgezweigt, um die besonders qualifizierten Arbeiter besser zu bezahlen und so auf ihre Seite zu ziehen: die Oberschicht der Facharbeiter, die Meister, Aufseher, Vorarbeiter und technischen Angestellten, die für die Leitung und Überwachung des Produktionsprozesses notwendig waren ...“

 

Irgendwann zu unserer Zeit fing es ja dann auch mit Aktienpaketen und Gewinnbeteiligungen an. Da haben wir in der IG Metall noch gegen andiskutiert ...“

 

Ein Standardmittel war ein höherer Lohn - oft doppelt so hoch wie die Löhne der meisten Arbeiter.

Werkswohnungen. Früher wurden die gekündigt, wenn man sich an Streiks beteiligte oder revolutionär betätigte. Sowas hat eine stark disziplinierende Wirkung. Hinzu kamen solche Privilegien wie die Sicherung des Arbeitsplatzes und Altersversorgung. Durch die Weisungsbefugnis gegenüber anderen Kollegen wurde diese Schicht innerhalb des Proletariats weiter herausgehoben. Einen großen Einfluss bei der Verbürgerlichung hatte laut A. Fogarasi, einem ungarischen Kommunisten, der 1935 die Arbeiteraristokratie untersuchte, die Anerkennung der Arbeiteraristokratie, ihre Einbeziehung in die bürgerliche Gesellschaft, ihr Salonfähigwerden.

 

Und aus der Schicht der betrieblichen Arbeiteraristokratie rekrutierte sich die Arbeiterbürokratie, die hauptamtlichen Funktionäre der Gewerkschaften, der Genossenschaften und Versicherungskassen sowie der sozialdemokratischen Partei. Letzteres gab diesen auch die Möglichkeit, im Staatsapparat aufzusteigen und hohe Ämter zu bekleiden sowie einen Rattenschwanz von Beratern, Pressesprechern, Journalisten usw. um sich zu versammeln.“

 

Jetzt sind wir aber irgendwie derbe vom Thema abgekommen ...“

 

Nicht direkt. Wir waren bei der Novemberrevolution, bei der Politik der SPD-Führung und dass es kein subjektiver Verrat war, als sie die Arbeiter mit schwerer Artillerie - in Wohngebieten!!! - zusammenballern ließen.“

 

Das war natürlich Asche. Aber sie wollten ja letztlich einen Bürgerkrieg verhindern!“

 

Nur war der Bürgerkrieg längst im Gange! Und die von der SPD-Regierung befehligten Freikorps waren diejenigen, die ihn nicht verhinderten, sondern beständig eskalierten.“

 

Na ja, ...“

 

Die Märzstreiks 1919 waren laut Hoffrogge einer der Höhepunkte dieses Bürgerkrieges, der sich laut ihm bis zur Niederschlagung des Hamburger Aufstandes der KPD im Jahre 1923 hinzog. Anders als der Januaraufstand waren die Märzstreiks eine überregionale Bewegung und daher weitaus gefährlicher für die Regierung. Im Ruhrgebiet, Mitteldeutschland und Berlin forderten Massenstreiks die Anerkennung der Arbeiterräte und die unmittelbare Sozialisierung der Schlüsselindustrien ...“

 

Verdammt schade, dass das nicht geklappt hat!“

 

Die Nationalversammlung in Weimar war vom Generalstreik geradezu umzingelt und handlungsunfähig. Im Ruhrgebiet begannen die Bergleute damit, die Sozialisierung der Gruben in die eigene Hand zu nehmen. Der Sechsstundentag wurde eingeführt und von den Syndikalisten über die KPD bis hin zur Basis der SPD beteiligten sich alle Fraktionen an der wilden Sozialisierung einer ganzen Industrie.“

 

Das erinnert tatsächlich an Russland.“

 

Es gab aber einen entscheidenden Unterschied: Die Streiks waren zeitlich und räumlich nicht koordiniert. Während sie in einer Region gerade Schwung kriegten, begannen sie andernorts bereits zu bröckeln. Auch an dieser Zersplitterung hatte die SPD-Führung ihren Anteil. In Berlin zum Beispiel hatte der Streik wegen der Verzögerungstaktik der SPD-Fraktionsführung in den Räten zu spät eingesetzt.“

 

Mann, fast schäm' ich mich, ein Sozi zu sein. Aber heute ist ja alles besser :-).“

 

Die Streiks zwangen die Regierung zwar zu verbalen Konzessionen, konnten jedoch später einzeln niedergeschlagen werden. Das war ein Dilemma der Linken. Während die Regierung zentral Entscheidungen fällte und eine disziplinierte Truppe zur Verfügung hatte, besaß die Revolution kein organisatorisches Zentrum und auch keine bewaffnete Macht zu ihrer Verteidigung.“

 

Klar. Du denkst an die Bolschewiki und die Roten Garden.“

 

Zum Beispiel.“

 

Und trotz der faktischen Niederlage der Linken führten die Regierungstruppen die Kämpfe auch nach Streikabbruch fort. Wie schon im Januar wollte man von Verhandlungen nichts wissen und war auf die physische Vernichtung des Gegners aus,

 

betont Hoffrogge.“

 

Die Konterrevolution kennt kein Pardon, willst Du mir damit sagen.“

 

Von Pardon kann man wohl kaum reden, wenn Arbeiterviertel mit schwerer Artillerie und Fliegerbomben angegriffen werden. Der verantwortliche SPD-Minister Gustav Noske - Sozialdemokrat! - sprach von 1200 Toten in Berlin. Die meisten sind laut dem Historiker Dietmar Lange nicht in den Kämpfen gestorben, sondern nach der Verhaftung standrechtlich erschossen worden.“

 

Also nix Pardon. Du bringst mich aber heute richtig zum Schämen, Mann!“

 

Pass nur auf, dass Du Dich nicht aus Frust betrinkst!

 

Lange geht auch auf die Taktik der Reaktion ein: Gezielte Provokationen des Militärs, Falschmeldungen über getötete Polizisten, ... . So wurde ein Klima erzeugt, das erstens die Ausrufung des Belagerungszustands über Berlin ermöglichte, zweitens die Ausschaltung der in der Novemberrevolution geschaffenen Soldatenwehren zugunsten der rechten Freikorps und drittens das Blutbad unter den revolutionären Arbeitern und Soldaten.“

 

Blutbad, grusel!“

 

Er spricht vom größten Massaker der gesamten Berliner Revolutionsgeschichte! Aber um bei den Parallelen zu bleiben: Es hatte auch einen Putschversuch gegeben - im Dezember 1918. Am Heiligabend war es dann zu einer ausgewachsenen Schlacht im Zentrum Berlins gekommen: Regierungstruppen beschossen das Stadtschloss, in dem sich die revolutionäre Volksmarinedivision einquartiert hatte. Nur durch das Einschreiten der Berliner Bevölkerung in Form einer Massendemonstration konnte den Kämpfen Einhalt geboten werden.“

 

Die Massen waren also dabei ...“

 

Sieht so aus. Noch eine Parallele.“

 

Was kam nun dabei heraus?“

 

Die parlamentarische Demokratie, das Frauenwahlrecht. Die Betriebsräte - zur Zusammenarbeit mit dem Kapitalisten verpflichtet, mit wenig Rechten. Der Achtstundentag. Noch einmal Hoffrogge: Sämtlich demokratische Erfolge, jedoch durchgesetzt gegen eine Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung, die für eine radikalere, eine sozialistische Demokratie gekämpft hatte.

 

Pech für uns. Und Pech für Russland. So blieb es denn alleine mit seiner Revolution.“

 

Leider.“

 

Aber immerhin echte Fortschritte. Nimm alleine die parlamentarische Demokratie!“

 

Die war natürlich gegenüber dem Kaiser ein Fortschritt. Aber sie ist letztlich auch nur eine Form der Herrschaft des Kapitals über den Arbeiter.“

 

Mannomann, jetzt ziehen Euer Merkwürden aber wieder mal ordentlich vom Leder!“

 

Über die Frage der rechten Regierungsform haben sich ja, wie Du weißt, schon die alten Griechen Gedanken gemacht.“

 

Du denkst an den Vortrag von Prof. Mausfeld Warum schweigen die Lämmer? Stichwort Aristoteles?“

 

Genau. Du erinnerst Dich?“

 

Und ob. Die Demokratie beinhalte die Möglichkeit, dass die Armen, weil sie die Mehrheit bildeten, das Vermögen der Reichen unter sich teilten.“

 

Und James Madison, einer der Gründungsväter der amerikanischen Verfassung: Jede Regierungsform müsse so gestaltet sein, dass sie die Minorität der Reichen gegen die Majorität der Armen schützt. Madisons Lösungsvorschlag für dieses Spannungsverhältnis zwischen Volk und Eliten war die repräsentative Demokratie. Mit der lassen sich die Eigeninteressen der reichen Minderheit absichern.“

 

Dann kommt jetzt Samuel Huntington: Die Probleme der Regierung in den USA rühren von einem Exzess an Demokratie, heißt es in einem 1975 veröffentlichten Bericht. Dazu stellte Huntington fest, dass zu Zeiten, als Präsident Truman noch in der Lage war, das Land lediglich mit einer Handvoll Wallstreetbankern zu regieren, das Management von Demokratie noch relativ einfach war.“

 

Geile Sprüche, nicht wahr? Seit 1975 konnte der excess of democracy wohl umfassend korrigiert werden. Die Washington Times konnte laut Mausfeld am 21. April 2014 feststellen: America is no longer a democracy – never mind the democratic republic envisioned by Founding Fathers.“

 

Dann noch zum Abschluss der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter. Er nannte in einem Interview am 28. Juli 2015 die USA eine oligarchy mit einer unlimited political bribery.

 

Was heißt hier zum Abschluss! Die Politikwissenschaftler Martin Gilens und Benjamin Page haben am Beispiel der USA untersucht, mit welchem Stimmgewicht der Willen der großen Masse des Volkes in politische Entscheidungen eingeht. Ihre Analysen zeigen, dass das Stimmgewicht nahe bei Null liegt und dass siebzig Prozent der Bevölkerung überhaupt keinen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.“

 

OK, ich mach weiter mit: In Europa sieht es ähnlich aus. Das Wallstreet Journal vom 28. Februar 2013 stellt fest, dass das neoliberale Programm – trotz entsprechender Wahlentscheidungen in zahlreichen Ländern – nicht mehr demokratisch abwählbar ist.“

 

Dann auch noch Milton Friedman, einer der Gründungsväter des Neoliberalismus, 1990: a democratic society once established, destroys a free economy - was es natürlich aus Sicht der Eliten zu verhindern gilt.“

 

Und der amerikanische Politikwissenschaftler Harold Lasswell: Bei einem Vergleich verschiedener Regierungsformen ist der Demokratie dann der Vorzug zu geben, wenn es zugleich gelingt, die Bürger in Übereinstimmung mit dem politischen System und mit den Entscheidungen, die eine spezialisierte politische Klasse für sie trifft, zu halten. Dies könne nur durch geeignete Techniken der Propaganda gewährleistet werden. Propaganda gehöre also wesenhaft und zwangsläufig zu einer funktionsfähigen Demokratie.“

 

Jetzt aber wirklich zum Abschluss - Edward Bernays. Er war der einflussreichste Propagandist von Propaganda. Als Propaganda sind alle systematischen Versuche anzusehen, die darauf zielen, die natürliche Urteilsfähigkeit von Menschen zu unterminieren und Einstellungen, Überzeugungen und Meinungen zu erzeugen, durch die sich Menschen zum Vorteil der jeweils herrschenden Eliten missbrauchen lassen.

 

Sein Buch Propaganda ist bis heute ein Klassiker im politischen Geschäft und im Marketing. Es wurde auch von Goebbels geschätzt, weshalb Bernays nach dem Krieg den Begriff Propaganda als belastet ansah und nun dafür den Begriff Public Relations verwendete. In seinem Buch schreibt Bernays:

 

Die bewusste und intelligente Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie bilden eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist.

 

Da würde jetzt mancher von Verschwörungstheorien reden.“

 

Ich weiß. Erstaunlich finde ich aber schon, wie die Menschen immer wieder politische Entscheidungen akzeptieren, die klar gegen ihre Interessen gerichtet sind ...“

 

Sachzwänge eben.“

 

Oder Maßnahmen, die ihnen als Sachzwänge verkauft werden.“

 

Verkauft werden natürlich auch von den Massenmedien ...“

 

Die spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Paul Lazarsfeld äußert sich dazu recht deutlich.“

 

Hilf mir mal auf die Sprünge. Ist lange her, dass ich den Vortrag von Mausfeld gehört habe.“

 

Lazarsfeld ist Kommunikationsforscher und zugleich einer der Begründer der modernen empirischen Sozialforschung. Er meint:

 

Man muss die Bürger mit einer Flut von Informationen überziehen, so dass sie die Illusion der Informiertheit haben.

 

Durch diese Illusion der Informiertheit hat der Bürger ein politisch reines Gewissen; er fühlt sich über alles Wesentliche unterrichtet und kann abends beruhigt zu Bett gehen.

 

In dieser Hinsicht zählen für Lazarsfeld die Massenmedien zu den most respectable and efficient

 

of social narcotics. Wenn man durch sie den Bürgern das Gefühl der Informiertheit gibt und wenn sie dann beim Frühstück die Süddeutsche Zeitung gelesen haben, nachmittags noch einmal in Spiegel Online geschaut haben und sich abends die Tagesschau angesehen haben, sind sie von ihrem Gefühl der Informiertheit so überwältigt, dass sie die Krankheit, an der sie leiden – so Lazarsfeld – nicht einmal mehr erkennen können.“

 

Jetzt kommts mir wieder: Besonders die sogenannten gebildeten Schichten sind anfällig für die Illusion des Informiertseins. Lass uns jetzt mit Mausfeld aufhören. Ist hochinteressant, was er noch zu den Techniken sagt, die - so sein Thema - dazu dienen, schwerwiegende Verletzungen moralischer Normen durch die herrschenden Eliten für die Bevölkerung moralisch und kognitiv unsichtbar zu machen. Es ist klar, was Du sagen willst: Wir leben in einer Scheindemokratie.“

 

Genau. Wir haben unsere - sehr wichtigen! - demokratischen Rechte so lange, wie wir uns von den entsprechenden Techniken einlullen lassen. Wir können unsere Meinung sagen und uns organisieren. Aber nur so lange, wie wir den Herrschenden nicht gefährlich werden.“

 

Für den Fall ist auch schon vorgesorgt: Notstandsgesetze, dagegen haben wir 1968 in Dortmund demonstriert.“

 

Die Anti-Terror-Gesetze sind dazugekommen. Das neue Polizeigesetz in Bayern. Zunächst mal nur in Bayern.“

 

Mann, jetzt sind wir von Petrograd ausgegangen und in Bayern gelandet. Hier müsste mal ein ordentlicher Diskussionsleiter her!“

 

Stimmt. Wir waren von der Frage ausgegangen, ob die Bolschewiki nicht bei der Februarrevolution hätten Halt machen sollen. Ich war der Meinung, die bürgerliche Demokratie reicht nicht. Habe versucht, sie mit Mausfeld zu kritisieren. Lässt sich, finde ich, auch empirisch machen. Alle wesentlichen politischen Entscheidungen nutzen dem großen Geld. Für die einfachen Leute ist nur gerade immer so viel drin, dass sie sich ruhig halten lassen.“

 

Da gebe ich Dir ja recht. Bankenrettung, Steuergesetzgebung, Dieselskandal, ...“

 

Wir haben es hier mit einer 400-Milliarden-Euro-Industrie zu tun! Die ist es gewohnt, sich selbst die Gesetze zu schreiben und Ministern und Bundeskanzlern die Hand zu führen.

 

TTIP, Privatisierung - seit letztem Jahr ... sogar der Autobahnen, auch von Schulen, ... Öffentlich-Private Partnerschaften, ...“

 

Jetzt müssen wir aber zurück zur Oktoberrevolution. Ob Räte besser sind als Parlamente, darüber müssen wir dann später noch mal reden.“

 

Machen wir. So, wie es in Russland gelaufen ist, waren sie vermutlich nicht besser. Die Bolschewiki glaubten sicher daran, dass sie mit der Räterepublik die angemessene politische Form der Diktatur des Proletariats gefunden hätten.“

 

Aber in der Praxis ...“

 

... sah das leider nicht so gut aus. Ein systematischer Vergleich der Vor- und Nachteile von repräsentativer Demokratie und Rätesystem wäre, finde ich, eine hochinteressante politologische Aufgabe. Ich weiß gar nicht, ob es so was gibt.“

 

Weiß ich auch nicht.“

 

Auf das Rätesystem kommen wir noch mal zurück. In Russland hat es wohl nicht geklappt. Ich kenne die Praxis nicht und habe nicht viel darüber gelesen. Sieht so aus, als wäre über die Vorherrschaft der Partei, aber auch der repressiven Staatsorgane sowie durch die zentralistische Wirtschaftspolitik ein System der Diktatur errichtet worden, das allerdings formell die Räte als Basisorganisationen der Politik beibehielt.“

 

Immerhin nannte sich der Staat, der sich 1991 auflöste, seit 1922 UdSSR: Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.“

 

Du hattest noch eine Frage aufgeworfen: Ob die Bolschewiki nicht mit der Revolution einen Bürgerkrieg entfacht haben, der viele Todesopfer forderte.“

 

Richtig. Du wirst sagen, nicht die Bolschewiki haben den Bürgerkrieg angefangen, sondern die Reaktionäre, aber ohne Revolution hätte die Reaktion ja nicht reagieren müssen ...“

 

Doch, hat sie ja. Denk an Kornilow. Für mich ist das klar: Ohne Revolution kein Frieden, kein Land, keine Arbeit. Eine Fortsetzung des Krieges hätte auch Millionen Tote gefordert. Ich würde gerne mal einen ganz neuen Aspekt einbringen. Was sagt Dir der Begriff ursprüngliche Akkumulation?“

 

Haben wir auf dem Kolleg nicht gehabt. Aber bei der VHS: Das ist die Akkumulation, die der kapitalistischen Akkumulation vorausgegangen ist. Marx spricht übrigens von sogenannter ursprünglicher Akkumulation.“

 

Du erstaunst mich immer wieder aufs Neue. Wie ein wandelndes Lexikon, der Mann.“

 

Ich weiß noch mehr. Sie war nach Marx nichts anderes als der historische Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel. Der Prozess war ursprünglich, weil er die Vorgeschichte des Kapitals und der ihm entsprechenden Produktionsweise bildete.“

 

Verflixt, Emil, das hört sich ganz so an, als hättest Du Marx gelesen.“

 

Das würde ich nie wagen!“

 

Lohnt sich und ist in diesem Fall auch gar nicht kompliziert. Liest sich wie ein Krimi. Täter und Opfer haben wir hier ja auch.“

 

Und den Herrn Kriminalisten in Person zwar nicht des Kalle Blomquist, sondern des Kalle M. - der durch exaktes Beobachten und messerscharfes Kombinieren den Dingen auf die Spur kommt.“

 

Und den Tathergang äußerst eindrucksvoll beschreibt. Kann man auch online lesen. Ich schick' Dir mal den Link.“

 

Wenn Du ein Smartphone hättest statt diesen alten Knochen von Handy, könntest Du das sofort erledigen.“

 

Ich sag' nur: Nix Elektroschrott!“

 

Gut. Aber auch ohne dass ich das bei Marx nachgelesen habe, weiß ich, dass es sich um eine dustere Periode gehandelt hat. Und jetzt merke ich auch, worauf Du hinauswillst: Die Entstehung des Sozialismus hat Millionen Todesopfer gefordert. Das aber gilt für die Entstehung des Kapitalismus nicht minder!“

 

Kluges Bübchen. Du hast mich durchschaut. Die ursprüngliche Akkumulation, dazu die Arbeits- und Lebensbedingungen nicht nur in der Frühphase des Kapitalismus, Kinderarbeit, die Kolonialkriege, Sklaverei, Ausrottung ganzer Völker, die imperialistischen Kriege, die angesichts der Entwicklung der Produktivkräfte überflüssigen Hungersnöte, die Umweltkatastrophen, ... Ich weiß nicht, ob man die Millionen Opfer dieses Systems überhaupt zählen kann.“

 

Nun schreibst Du dem Kapitalismus Opfer zu, dabei würde Dir nicht jeder folgen wollen. Lass uns erst mal in der Anfangsphase bleiben.“

 

Gut, Du hast recht. Die ursprüngliche Akkumulation.

 

Wenn das Geld, nach Augier, 'mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt', so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend.

 

heißt es bei Marx.“

 

Das hört sich ja man wirklich gruselig an.“

 

Du siehst mir bitte wie bisher eventuelle wissenschaftliche Ungenauigkeiten nach, OK?“

 

Wir sind ja hier nicht in einem Hauptseminar an der Universität Duisburg-Essen, kar. Also leg erstmal los.“

 

Ich sag mal so: Der Feudalismus war ein alter Mann, lag langsam in den letzten Zügen, der Kapitalismus war noch nicht aus dem Ei gepellt, stand aber in den Startlöchern.“

 

Wann und wo sind wir?“

 

Wir sind zum Beispiel in England, sagen wir mal im 16. Jahrhundert. Der ganze Prozess zieht sich aber über Jahrhunderte hin.“

 

Feudalismus heißt ja wohl: Der Bauer ist an seine Scholle und an seinen Landesherrn gebunden, ist insofern nicht frei. Er bewirtschaftet das Land des Herrn, hat aber auch eigenes Land, zudem gibt es Gemeindeland, das von allen genutzt werden darf. Er kann sich also mehr oder weniger ernähren.“

 

Damit kann aber der aus dem Ei gepellt werden wollende Kapitalismus nicht viel anfangen, richtig? Der braucht freie Lohnarbeiter.“

 

Marx weist darauf hin, dass in England die Leibeigenschaft zu dem Zeitpunkt schon verschwunden war. Es gab freie, selbstwirtschaftende Bauern, die mehr oder weniger zusätzlich bei großen Grundeigentümern arbeiteten. Auch die relativ wenigen Lohnarbeiter in der Landwirtschaft erhielten neben ihrem Lohn zusätzlich Ackerland und ein Cottage zugewiesen. Und, wie Du richtig sagst: Alle konnten das Gemeindeland nutzen. Dort weidete ihr Vieh, sie schlugen Holz usw. Die erste Deiner Bedingungen: Lösung von der Scholle war also in England damals schon erfüllt.

 

Wie gehst Du weiter vor, um den Manufakturen ihre Lohnarbeiter zu besorgen?

 

Nehmen wir mal an, es gäbe einen direkten Anlass: Das Aufblühn der flandrischen Wollmanufaktur und das entsprechende Steigen der Wollpreise. Dann lohnt es sich, das Land in Schafweiden umzuwandeln. Dafür würde ich die Bauern von ihrem Land vertreiben, ihre Cottages niederbrennen ...“

 

Würdes Du Dir etwa gar das Gemeindeland unter den Nagel reißen?“

 

Und ob. Auch würde ich die Reformation nutzen. Die katholische Kirche war zur Zeit der Reformation Feudaleigentümerin eines großen Teils des englischen Grund und Bodens. Die Klosterbewohner würde ich zu Proletariern machen, die Kirchengüter an raubsüchtige königliche Günstlinge verschenken oder zu einem Spottpreis an spekulierende Pächter und Stadtbürger verkaufen, welche die alten erblichen Untersassen massenhaft verjagen und ihre Wirtschaften zusammenwerfen würden.“

 

Braver Mannn, sehr gründlich. Sagen wir, bis zum 18. und 19. Jahrhundert solltest Du einiges geschafft haben. Allein zwischen 1810 und 1831 hättest Du dem Landvolk beispielsweise 3.511.770 Acres Gemeindeland geraubt.“

 

Ein Acre ist 4047 m² beziehungsweise 40,47 Ar, wenn ich recht orientiert bin?“

 

Präzis. Nun geht so etwas ja nicht reibungslos vor sich. Die Leute haben kein Land mehr, keine Hütte, dürfen nicht mehr im vormals gemeindeeigenen Bach angeln oder sich im Wald Holz schlagen, sie sind auch an die Disziplin in Manufaktur oder Fabrik nicht gewöhnt, hatten vorher einen Rhytmus mehr im Einklang mit der Natur, ... Nehmen wir außerden an, die Manufakturen konnten die Menschen gar nicht so schnell und in dem Maße aufnehmen, wie sie freigesetzt wurden. Wie gehst Du mit dem Problem um?“

 

Ist ja im Grunde nicht wirklich ein Problem. Wenn es mir keine Sorgen bereitet, Leute mit Gewalt von ihrem Land zu vertreiben und sie sämtlicher Lebensmittel zu berauben, auf dass sie Hunger darben oder gar verhungern, dann werde ich auch mit diesen nun vogelfreien, in Bettler, Räuber und Vagabunden verwandelten Gesellen zurechtkommen.“

 

Und wie?“

 

Nun, mir ist natürlich klar, dass diese Halunken nicht freiwillig zu solchen geworden sind. Dennoch würde ich sie vom Gesetz her als freiwillige Verbrecher behandeln und unterstellen, dass es von ihrem guten Willen abhänge, in den nicht mehr existierenden alten Verhältnissen fortzuarbeiten.“

 

Das heißt konkret?“

 

Ich würde vielleicht wie Heinrich VIII. 1530 sagen: Alte und arbeitsunfähige Bettler erhalten eine Bettellizenz. Dagegen Auspeitschung und Einsperrung für handfeste Vagabunden. Sie sollen an einen Karren hinten angebunden und gegeißelt werden, bis das Blut von ihrem Körper strömt, dann einen Eid schwören, zu ihrem Geburtsplatz oder dorthin, wo sie die letzten drei Jahre gewohnt, zurückzukehren und sich an die Arbeit zu setzen.“

 

Wacker!“

 

Bei zweiter Ertappung auf Vagabundage soll die Auspeitschung wiederholt und das halbe Ohr abgeschnitten, bei drittem Rückfall aber der Betroffne als schwerer Verbrecher und Feind des Gemeinwesens hingerichtet werden.“

 

Das lässt sich bestimmt noch ausbauen!“

 

Klar. Wenn sich jemand zu arbeiten weigert, soll er als Sklave der Person zugeurteilt werden, die ihn als Müßiggänger denunziert hat. Mit allen Rechten für den Meister und Pflichten für den Sklaven. Pflicht zu jeder ekligen Arbeit, Recht auf Auspeitschung und Ankettung. Wenn sich der Sklave für 14 Tage entfernt, ist er zur Sklaverei auf Lebenszeit verurteilt und soll auf Stirn oder Backen mit dem Buchstaben S gebrandmarkt, wenn er zum drittenmal fortläuft, als Staatsverräter hingerichtet werden. Der Meister kann ihn verkaufen, vermachen, als Sklaven ausdingen, ganz wie andres bewegliches Gut und Vieh. Unternehmen die Sklaven etwas gegen die Herrschaft, so sollen sie ebenfalls hingerichtet werden. Friedensrichter sollen auf Information den Kerls nachspüren. Findet sich, dass ein Herumstreicher drei Tage gelungert hat, so soll er nach seinem Geburtsort gebracht, mit rotglühendem Eisen auf die Brust mit dem Zeichen V gebrandmarkt, und dort in Ketten auf der Straße oder zu sonstigen Diensten verwandt werden.“

 

Emil, einen Moment ...!“

 

Gibt der Vagabund einen falschen Geburtsort an, so soll er zur Strafe der lebenslängliche Sklave dieses Orts sein und mit S gebrandmarkt werden. Alle Personen haben das Recht, den Vagabunden ihre Kinder wegzunehmen und als Lehrlinge, Jungen bis zum 24. Jahr, Mädchen bis zum 20. Jahr, zu halten. Laufen sie weg, so sollen sie bis zu diesem Alter die Sklaven der Lehrmeister sein, die sie in Ketten legen, geißeln etc. können, wie sie wollen. Jeder Meister darf einen eisernen Ring um Hals, Arme oder Beine seines Sklaven legen, damit er ihn besser kennt und seiner sicherer ist.“

 

Emil, Mann, Du kannst Dich ja gar nicht mehr bremsen.“

 

Nun ja, hartes Peitschen für Bettler ohne Lizenz, Brandmarken am linken Ohrläppchen, Hinrichten im Wiederholungsfall. Überhaupt: Herumwandernde und bettelnde Personen sind nicht gerne gesehen. Ich würde sie zu Landstreichern und Vagabunden erklären. Öffentlich auspeitschen lassen und bei erster Ertappung 6 Monate, bei zweiter 2 Jahre ins Gefängnis sperren. Während des Gefängnisses dürfen sie so oft und soviel gepeitscht werden, als die Friedensrichter für gut halten.“

 

Ist das nicht ein bisschen viel des Guten?“

 

Mitnichten. Objektiv geht es ja darum, dem Kapital die notwendigen Arbeitskräfte bereitzustellen. Also: Die unverbesserlichen und gefährlichen Landstreicher sollen auf der linken Schulter mit R gebrandmarkt und an die Zwangsarbeit gesetzt, und wenn man sie wieder auf dem Bettel ertappt, ohne Gnade hingerichtet werden. Als Staatsverräter.“

 

Lass man gut sein, mir wird gleich übel. Lothar, zwei Korn bitte. Doppelte!

 

Ich möchte das nur noch eben zusammenfassen: Auf diese Art würde das von Grund und Boden gewaltsam expropriierte, verjagte und zum Vagabunden gemachte Landvolk durch grotesk-terroristische Gesetze in eine dem System der Lohnarbeit notwendige Disziplin hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert.“

 

Ersetze das würde durch wurde - und Du hast Marx' Worte.“

 

Wir wissen nun allerdings noch nicht, wie der Kapitalist in die Geschichte trat.“

 

Da lohnt es sich wirklich, mal im Kapital zu schmökern. Die Zerstörung der Selbstversorgung führte ja, um noch einen weiteren Aspekt anzuführen, auch dazu, dass die Leute sich die Nahrungsmittel nun mit Hilfe des Abrbeitslohns kaufen mussten. So wurde zugleich dem inneren Markt die Ausdehnung und der feste Bestand gegeben, deren die kapitalistische Produktionsweise bedarf.“

 

Und das war also die sogenannte ursprüngliche Akkumulation.“

 

Das war sie noch lange nicht!“

 

Gute Güte, was denn noch?“

 

Ich erlaube mir mal zu zitieren. Wir haben es ja fast schon wieder eilig:

 

Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf Schwarzhäute, bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. Diese idyllischen Prozesse sind Hauptmomente der ursprünglichen Akkumulation.

 

Also ein recht komplexer Prozess ...“

 

Die verschiednen Momente der ursprünglichen Akkumulation verteilen sich nun, mehr oder minder in zeitlicher Reihenfolge, namentlich auf Spanien, Portugal, Holland, Frankreich und England. In England werden sie Ende des 17. Jahrhunderts systematisch zusammengefaßt im Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernen Steuersystem und Protektionssystem.

 

Auf Staatsschulden und Steuern gehen wir aber jetzt nicht im Detail ein, schlage ich vor!“

 

Alles klar. Ganz wichtig finde ich aber die folgenden zwei Sätze:

 

Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z.B. das Kolonialsystem. Alle aber benutzten die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.

 

Alle benutzten die Staatsmacht. Das hatten wir ja vorhin schon bei der Blutgesetzgebung. Und die Gewalt als Geburtshelfer für eine neue Gesellschaft. Hier der kapitalistischen. Später dann auch der sozialistischen, darum geht es Dir ja wohl auch, vermute ich.“

 

So ist es. Oktoberrevolution, Bürgerkrieg, Interventionskriege, ... Das Kolonialsystem alleine kann einen das Gruseln lehren. Lies mal nach bei Marx. Mehr Brutalität ist kaum vorstellbar.“

 

Der Kapitalismus als Gruselkabinett ...“

 

Marx spricht von der Kinderperiode der großen Industrie und davon, dass die Geburt der Letzteren gefeiert wird durch den großen herodischen Kinderraub.“

 

Hä?“

 

Kinderraub und Kindersklaverei - um den Manufakturbetrieb in den Fabrikbetrieb zu verwandeln. Viele Kinder von sieben bis 14 Jahren wurden - oftmals von Pfarreien - verkauft. Ein Zeitgenosse von Marx schreibt:

 

Sie wurden zu Tod gehetzt durch Arbeitsexzesse ... sie wurden gepeitscht, gekettet und gefoltert mit dem ausgesuchtesten Raffinement von Grausamkeit; sie wurden in vielen Fällen bis auf die Knochen ausgehungert, während die Peitsche sie an der Arbeit hielt ...

 

Es gab Selbstmorde, Morde, ...“

 

Der Kapitalismus als Kindermörder, ist schon klar, was Du sagen willst. Und es ist ja nicht so, dass solche Verhältnisse heute überholt wären, wenn wir über Europas Grenzen hinausschauen.“

 

Sklaverei gibt es auch in Europa. Nur ein Beispiel: Mafia-Orangen. Ist aber eine andere Baustelle.“

 

Richtig. Also zurück zum Thema. Und das ist ja eigentlich die Sowjetunion, wenn ich mich ganz dumpf erinnere.“

 

Dann lass uns diesen Punkt mit einem zusammenfassenden Zitat von Lenin beenden:

 

Von der Akkumulation des Kapitals auf der Basis des Kapitalismus muss die so genannte ursprüngliche Akkumulation unterschieden werden: die gewaltsame Trennung des Arbeitenden von den Produktionsmitteln, die Verjagung der Bauern von ihrem Boden, der Raub von Gemeindeländereien, das System der Kolonien, der Staatsschulden, des Schutzzolls usw.. Die „ursprüngliche Akkumulation“ erzeugt auf dem einen Pol den „freien“ Proletarier, auf dem Gegenpol den Geldbesitzer, den Kapitalisten.

 

Ja, das ist etwas kürzer als unsere Erörterung ...“

 

Aber wir haben mit unserem Ausflug in die Geschichte des Kapitalismus auch keine Zeit vergeudet. Es gibt einen Zusammenhang zu unserem Thema Sowjetunion!“

 

Und der wäre?“

 

Die Frage, ob und wie in Russland und später in der SU der Prozess der ursprünglichen Akkumulation stattfand oder stattfinden sollte!“

 

Gute Güte, Anton, heute bitte nicht mehr! Selbst wenn ich jetzt auf Kaffee umsteige - ich kann nicht mehr. Werde diese Nacht sowieso Alpträume haben.“

 

Na gut, will ich mal nicht so sein. Aber ich gebe Dir noch einen mit.“

 

Na?“

 

Louis Althusser meint, dieses Kapitel des Kapitals beinhalte einen großartigen Reichtum, der noch nicht genügend ausgebeutet wurde, im Speziellen die These, dass

 

capitalism has always used and, in the ‘margins’ of its metropolitan existence – i.e. in the colonial and ex-colonial countries – is still using well into the twentieth century, the most brutally violent means.

 

Was ein wichtiger Grund dafür wäre, den Kapitalismus zu überwinden oder zunächst einmal, wo immer möglich, seinen Einflussbereich zu begrenzen. Das haben die sozialistischen Staaten versucht. Welche Mittel dafür erforderlich waren und ob genau diese Mittel erforderlich waren - darum geht es uns beiden ja, das heißt: vor allem mir geht es darum.“

 

Schon klar. Die Frage, ob der ursprüngliche Akkumulationsprozess eine historische und mittlerweile überwundene Etappe in der Entwicklung des Kapitalismus darstellt oder ob es sich um einen permanenten Prozess handelt, ist schon interessant. Und hinsichtlich der politischen Konsequenzen auch wichtig. Aber wie gesagt - für heute ist Schluss.“

 

Nun denn, Du bist der Boss. Machen wir morgen weiter. Du hattest vorhin erstaunt nachgefragt, als ich sagte, Stalin habe ein einheitliches Gesamtdeutschland gewollt. Da können wir ja dann ansetzen.“

 

Machen wir. Dann bis morgen. Hau rein.“

 

Dito. Schüss Lothar!

 

 

 

 

 

 

Literaturverzeichnis

Informationen zu etlichen politischen und historischen Stichwörtern bekommt man bei Wikipedia, bei der Bundeszentrale für politische Bildung, der Konrad-Adenauer-Stiftung und etlichen weiteren Quellen. Diese gebe ich hier nicht an.

Oktoberrevolution

 

Frank Deppe: 1917 | 2017, Revolution & Gegenrevolution (Leseprobe)

http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/1917-2017/

 

Frank Deppe: Der Oktober 1917 und das Zeitalter der globalen Gegenrevolution

http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/3148.der-oktober-1917-und-das-zeitalter-der-globalen-gegenrevolution.html

 

Georg Fülberth: Was bedeutet(e) die Oktoberrevolution

https://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=4&ved=0ahUKEwj6tNSBr4zYAhVB16QKHVEvBw0QFghAMAM&url=https%3A%2F%2Fwww.die-linke-in-leipzig.de%2Ffileadmin%2Flcmssvleipzig%2Fuser%2Fupload%2FGeorg_Fuelberth.pdf&usg=AOvVaw01wSBzwRMON9r0EGElXTdh

 

Wolfgang Gehrcke (mit Christiane Reymann): 100 Jahre Oktoberrevolution

https://www.wolfgang-gehrcke.de/de/article/1945.100-jahre-oktoberrevolution-ein-blick-auf-das-unm%C3%B6gliche.html

 

Hans Heinz Holz. 1789 ▪ 1917 - Zwei Revolutionen

http://www.hansheinzholz.com/fileadmin/content/Topos-Sonderheft_2_-_Die_zwei_Revolutionen.pdf

 

Bruno Mahlow: Aufbruch in gesellschaftliches Neuland

https://unsere-zeit.de/de/4949/theorie_geschichte/7223/Aufbruch-in-gesellschaftliches-Neuland.htm

 

Evelyn Pentzel: Politische Okonomie des Kommunismus als Gegenstand theoretischer Auseinandersetzungen und in der praktischen Anwendung (preprint)

https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=15&ved=0ahUKEwji45mD4dLaAhVGIcAKHW21CDU4ChAWCEIwBA&url=http%3A%2F%2Fwww.politische-oekonomie.org%2Frsc%2Fpolitischeoekonomiedeskommunismus.pdf&usg=AOvVaw30Q8rVNWTMGPJ6KUFoj1CB

 

Novemberrevolution

 

Ralf Hoffrogge: Novemberrevolution 1918 und Märzstreiks 1919

http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/2380904.html

 

Interview mit Dietmar Lange: „Das größte Massaker der Berliner Revolutionsgeschichte“

http://www.taz.de/!507744/